Leitbild : Von der Revolution zur Klassenbildung
THEMA

Die Monarchie im Umbruch
Von der Revolution zur Klassenbildung

Der gemeinsame, liberale Wunsch der 1848er-Revolutionäre nach einer Verfassung wurde nicht nur durch außenpolitische Veränderungen erschwert, sondern brachte auch soziale Klassenbildungen zum Vorschein. Adel, Bürgertum und Arbeiter standen in Konkurrenz zueinander.

Während die Monarchie außenpolitische Niederlagen – wie den Verlust italienischer Gebiete, die kleindeutsche Lösung mit der Gründung des Norddeutschen Bundes 1866 –und den Ausgleich mit Ungarn 1867 hinnehmen musste, wies die österreichische Innenpolitik bei der Ausarbeitung der Verfassung ihre Schwächen auf.

Nicht alle Bevölkerungsschichten und Kronländer sollten von der Konstitution gleichermaßen profitieren. Elitenbildung und der Ausschluss des Großteils der Bevölkerung vom Wahlrecht waren ausschlaggebend für eine unzureichende Sozialpolitik. Der vom Bürgertum getragene Fortschrittsglaube war rein ökonomisch ausgerichtet. Wirtschaftswachstum, Gewinnoptimierung und Produktionssteigerung wurden zur Handlungsmaxime des Wirtschaftsbürgertums und gingen einher mit der zunehmenden Industrialisierung im Produktionsbereich. Investitionen in Fabriken und Maschinen machten Wien zu einem wichtigen Standort für die moderne Baumwoll- und Seidenindustrie, die den Unternehmern stattliche Gewinne einbrachten. Doch diese wirtschaftlich günstige Entwicklung hatte auch ihre sozialen Schattenseiten. Die ArbeiterInnen, die ohnehin unter schwersten Bedingungen einen geringen Unterhalt verdienten, wurden durch den zunehmenden Einsatz von Maschinen in die Arbeitslosigkeit getrieben. Diese Art der liberalen Wirtschaftspolitik hatte sich offensichtlich von den in den Volkserhebungen von 1848 formulierten sozialen Zielen weit entfernt. Für das Bauerntum war die revolutionäre Phase bereits im Herbst 1848 mit der Aufhebung ihrer Grunduntertänigkeit abgeschlossen. Vertreter des Adels und Bürgertums fanden sich vielfach als Investoren im Industriesektor wieder. Die ArbeiterInnen gingen als dritte Schicht die an der Revolution teilgenommen hatte vorerst noch leer aus. Und die Diskrepanz zwischen den fast mittellosen ArbeiterInnen und dem (früh)kapitalistischen Bürgertum wuchs weiter.

Die Situation verschärfte sich in der Wahlrechtsfrage, in der sich das Bürgertum gegen das allgemeine Wahlrecht und die Beteiligung der Arbeiterschaft aussprach. Nur nach und nach setzten sich sozialpolitische Maßnahmen zugunsten des Proletariats wie Urlaubs- und Feiertagsregelungen und festgelegte Arbeitszeiten durch. Eine gleichberechtigte politische Mitsprache dieser Gesellschaftsschicht konnte allerdings erst im Zuge von Demonstrationen zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit dem allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Männerwahlrecht erreicht werden.

Anita Winkler

Literatur

Rumpler, Helmut: Eine Chance für Mitteleuropa. Bürgerliche Emanzipation und Staatsverfall in der Habsburgermonarchie. (Wolfram, Herwig (Hg.): Österreichische Geschichte 1904-1914), Wien 1997, 403, 423f, 418. Vocelka, Karl: Geschichte Österreichs. Kultur – Gesellschaft – Politik, München 2002 (4. Aufl.) [2000], 212,213, 244f.

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