Leitbild : Schnelles Geld contra alter Adel – Die zweite Gesellschaft
THEMA

Von Finanzwächtern, Sparfreudigen und Selbstmördern
Schnelles Geld contra alter Adel – Die zweite Gesellschaft

Die 'erste Gesellschaft' fühlte sich im 19. Jahrhundert vom aufstrebenden Bürgertum und der 'zweiten Gesellschaft' gefährdet. Diese wiederum imitierten den Adel.

Der 'alte Adel', die 'erste Gesellschaft', nahm eine gesellschaftliche und politische Spitzenposition ein und war eng verflochten mit dem kaiserlichen Hof. Dieser zeigte sich aber zunehmend interessiert an den wohlhabenden Bankiers und Unternehmern, die den stets finanzschwachen Staat mit Geld versorgen konnten. Der Kaiser 'bedankte' sich dafür mit Nobilitierungen (Erhebungen in den Adelsstand) und machte eine Vielzahl von Mitgliedern dieser 'zweiten Gesellschaft' zu Rittern und Freiherren. Bis zum Ersten Weltkrieg wurden so in Cisleithanien über 5.700 Personen nobilitiert.

Berühmte Beispiele sind die Familien Rothschild und Epstein, die beide mit Bankgeschäften zu großem Vermögen gekommen waren. Als Geldgeber waren sie dem Hof recht und billig, den endgültigen gesellschaftlichen Aufstieg verwehrte man den Mitgliedern der 'zweiten Gesellschaft' aber, denn für hoffähig hielt man sie nicht.

Der 'alte Adel' verhielt sich gegenüber den neuen Geldadeligen zwiespältig: Einerseits fürchtete er diese als gesellschaftliche und politische Konkurrenz und beäugte sie argwöhnisch. Andererseits gingen sie wirtschaftliche Kooperationen beispielsweise in Aktiengesellschaften ein. Die Mitglieder der 'zweiten Gesellschaft' wiederum versuchten, den Adel und seinen Lebensstil zu imitieren und bauten zu diesem Zweck prächtige Palais entlang der Ringstraße.

Der 'alte Adel' ließ sich freilich nicht an der Ringstraße der Neureichen nieder und belächelte die Palaisbesitzer als "Ringstraßenbarone". In Karikaturen wurde die Symbolfigur des "Ringstraßenbarons" auf dem Balkon seines prächtigen Palais liegend, elegante Kleidung tragend und Pfeife rauchend dargestellt.

Sowohl 'alter Adel' als auch 'zweite Gesellschaft' führten einen aufwändigen  und pompösen Lebensstil und verhalfen damit nicht zuletzt der Residenzstadt Wien zum Status als 'Konsumstadt'. Der 'alte Adel' überstand den Börsenkrach von 1873 allerdings ziemlich unbeschadet, da er sich nicht allzu intensiv auf Spekulationsgeschäfte eingelassen hatte und über Grundbesitz verfügte.

Christina Linsboth

Literatur

Baltzarek, Franz/Hoffmann, Alfred/Stekl, Hannes: Wirtschaft und Gesellschaft der Wiener Stadterweiterung [Die Wiener Ringstraße. Bild einer Epoche 5], Wiesbaden 1975, 285. Eigner, Peter: Österreichische Wirtschafts- u Sozialgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert. 175 Jahre Wiener Städtische Versicherung, Wien/München 1999, 48, 66, 75. Stekl, Hannes: Adel und Bürgertum in der Habsburgermonarchie, 18. bis 20. Jahrhundert. Hannes Stekl zum 60. Geburtstag gewidmet von Ernst Bruckmüller, Franz Eder und Andrea Schnöller [Sozial- und wirtschaftshistorische Studien 31], Wien 2004, 16, 68.

Personen, Orte & Ereignisse

Der Börsenkrach 1873