Leitbild : Ein Kaiser als Theaterdirektor und Talentscout
THEMA

"Zur Divertierung des Publici und Ihro Majestät"
Ein Kaiser als Theaterdirektor und Talentscout

Ein Mann für alle Fälle: Joseph II. erhebt das Burgtheater zum Deutschen Nationaltheater, fungiert als Direktor und heuert sein Ensemble an.

Gothaer "Theater-Kalender" von 1777 über das Wiener Hofburgtheater.

Kayser Joseph ist dieser Bühne [= des Hofburgtheaters] Beschützer. Seiner Aufmerksamkeit und Sorgfalt für ihre Verbesserung, entgehet nichts. Der Monarch ist überzeugt, daß eine gute National-Bühne einen sehr nahen und wichtigen Einfluß in den Karakter, die Sitten und ihren Geschmack seines Volkes habe. […] Auf keiner deutschen Bühne wird das Uebliche und das Anständige besser beobachtet. Über die Wahl der Stücke, wacht der Geschmack, über die Sittlichkeit, die Censur.

Erst Kaiser Joseph II. beendete die finanzielle Dauermisere der beiden Hoftheater: Nach dem Ruin des letzten Pächters wurden die Kosten und Gagen für das Burgtheater vom Hof übernommen. Auch das Kärntnertortheater sollte den "schauspielerischen, singenden und tanzenden Gesellschaften aller Sprachen" gratis überlassen werden.

Das Burgtheater ernannte der Kaiser 1776 zum Deutschen Nationaltheater – hier sollte vor allem das deutschsprachige Schauspiel gefördert werden. Das Theater erreichte eine Vorrangstellung unter den deutschsprachigen Bühnen. Die finanzielle Absicherung durch den Hof ermöglichte es, Theaterstars in Wien in einem Ensemble zusammenzuhalten. Die SchauspielerInnen wurden Hofbeamten gleichgestellt und erhielten eine staatliche Pension.

Um den Spielplan abwechslungsreich zu gestalten, führte Joseph II. 1778 das deutsche National-Singspiel ein, das seinen Höhepunkt mit der "Entführung aus dem Serail" von Wolfgang Amadeus Mozart erreichte. Mozarts italienische Gegner am Hof, allen voran Antonio Salieri, kämpften dafür, statt des deutschen Singspiels wieder die italienische Oper aufzuführen. Nach langen Streitereien gab der Kaiser schließlich der italienischen "opera buffa" den Vorzug.

Joseph II. schlüpfte in die Rolle des Burgtheaterdirektors: Im Theater sah er ein Werkzeug der Aufklärung und seiner sozialen Reformen, als moralisch-sittliche Instanz sollte es ein Mittel zur Erziehung und Disziplinierung des Publikums darstellen.

Er kümmerte sich um administrative Details und fand sogar Zeit, den Proben beizuwohnen, Stücke auszuwählen und SchauspielerInnen zu berufen. Selbst bei Auslandsreisen suchte er nach Talenten für die Wiener Bühne und schickte 'Talentscouts' quer durch Deutschland. Die künstlerische Leitung sollte in demokratischer Weise durch eine Vollversammlung der SchauspielerInnen (einschließlich der Frauen!) ausgeübt werden. Da sich die Regelung nicht bewährte, wurde 1779 ein Regiekollegium (ein Gremium von Regisseuren) eingesetzt, das 130 Jahre beherrschend blieb.

Beim Publikum jedoch stand nicht immer das Theaterstück im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Das Theater war ein Ort des Sehens und Gesehenwerdens, ein Ort des gesellschaftlichen Lebens und für – nicht immer standesgemäße – Rendez-vous …

Julia Teresa Friehs

Literatur

Direktion des Burgtheaters (Hrsg.): 150 Jahre Burgtheater 1776–1926, Wien 1926, 9–21; Hadamowsky, Franz/Witeschnik, Alexander: 100 Jahre Wiener Oper am Ring. Katalog zur Jubiläumsausstellung in sämtlichen Redoutensälen der Hofburg, 17.5.–28.9.1969, 17–115; Maria Theresia und ihre Zeit, Katalog zur gleichnamigen Ausstellung, Wien, Schloss Schönbrunn, 13.5.–26.10.1980, 382f.; Prawy, Marcel: Die Wiener Oper. Geschichte und Geschichten, Wien 1969, 25–39; Schrögendorf, Konrad/Weys, Rudolf (Hrsg.): Burgtheater. Eine Chronik in Bildern. Ein Führer durch Haus und Geschichte, Wien 1985; Vocelka, Karl: Glanz und Untergang der höfischen Welt. Repräsentation, Reform und Reaktion im habsburgischen Vielvölkerstaat, Wien 2004 (Österreichische Geschichte 1699–1815), 185–194; Vocelka, Karl/Heller, Lynne: Die Lebenswelt der Habsburger. Kultur- und Mentalitätsgeschichte einer Familie, Wien 1997, 52–66;