Leitbild : Die Verschriftlichung der Welt
THEMA

Vom Lesen und vom Schreiben
Die Verschriftlichung der Welt

Neuerungen in Schriftform und Materialien machten eine schnelle Produktion von Schriftstücken möglich. Dies wurde für den steigenden Verwaltungsbedarf dringend benötigt.

Eine neue Schriftart veränderte im 13. Jahrhundert das Schreibverhalten: Statt der karolingischen Minuskel, die bis heute im abendländischen Kleinbuchstabenalphabet fortlebt, verwendete man nun in Handschriften die gotische Minuskel. Insbesondere die gotische Kursive machte es möglich, schneller zu schreiben und viele Texte rasch zu verbreiten. Auch die Volkssprache wurde verschriftlicht. Dabei stellte sich das Problem, den Buchstabensatz an die Laute anzupassen – diese wurden mit Buchstabenkombinationen ausgedrückt. Deutsch löste das Lateinische als Urkundensprache ab und dominierte einen Großteil des Schrifttums des öffentlichen Lebens.

Die vereinfachte Schriftform erweiterte den Zugang zu Schrift und Schreiben, der Klerus war nicht mehr die einzig schreibkundige Schicht. Im 14. Jahrhundert folgte eine weitere Neuerung am Schreibsektor: Papier, aus Lumpen hergestellt, löste das teurere, aus Tierhäuten produzierte Pergament als Trägermedium ab. Im Verlauf des 15. Jahrhunderts sanken die Preise für Papier, der Verbrauch stieg insbesondere durch die Erfindung des Buchdrucks stark an.

Infolge dieser Entwicklungen verbreitete sich im Spätmittelalter die Schriftlichkeit. Im Rechtsbereich bürgte sie für längerfristige Rechtssicherheit: Das germanische oder deutsche Recht wurde traditionellerweise mündlich vollzogen. Nun wurde der Prozess in allen Stationen verschriftlicht und stützte sich auf schriftlich fixierte Quellen. Schriftlichkeit garantierte so die Wahrheit und Gültigkeit der Aussagen.

Als wesentlicher Motor für die Schriftkenntnis erwies sich auch der ,Verwaltungsapparat‘ der landesfürstlichen Herrschaft sowie der städtischen Administration: Eigens ausgebildete, im Recht geschulte ,Beamte‘ produzierten Schriftstücke, insbesondere Register und Verzeichnisse, die heute als historische Quellen dienen. In den Städten wurde die Verwaltung immer wichtiger, um das Zusammenleben und Wirtschaften vieler Menschen zu reglementieren. Wirtschaftliche Entwicklungen wie die Zunahme des Fernhandels begünstigten ebenfalls die Schriftlichkeit, wie Geschäftsbücher aus dem 14. Jahrhundert belegen – Rechnen, Schreiben und Lesen waren wesentliche Voraussetzungen für eine erfolgreiche Handelstätigkeit.

Julia Teresa Friehs

Literatur

Engelsing, Rolf: Analphabetentum und Lektüre. Zur Sozialgeschichte des Lesens in Deutschland zwischen feudaler und industrieller Gesellschaft, Stuttgart 1973, 1–9; Jakobi-Mirwald, Christine: Das mittelalterliche Buch. Funktion und Ausstattung, Stuttgart 2004, 59–110, 125–132; Niederstätter, Alois: Das Jahrhundert der Mitte. An der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit, Wien 2004 (Österreichische Geschichte 1400–1522), 375–377; Niederstätter, Alois: Die Herrschaft Österreich. Fürst und Land im Spätmittelalter, Wien 2001 (Österreichische Geschichte 1278–1411), 353–356; Ott, Norbert H.: Texte und Bilder. Beziehungen zwischen den Medien Kunst und Literatur in Mittelalter und Früher Neuzeit, in: Wenzel, Horst/Seipel, Wilfried/Wunberg, Gotthart (Hrsg.): Die Verschriftlichung der Welt. Bild, Text und Zahl in der Kultur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, Wien 2000 (Schriften des Kunsthistorischen Museums 5), 105–143; Vavra, Elisabeth: Literatur und Publikum, in: Kühnel, Harry (Hrsg.): Alltag im Spätmittelalter, Graz 2006, 323–340;